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Kennst du Friedrich Schiller?
Jürgen Klose

Ein kreativer Querkopf mit allerlei Flausen scheint Schiller wohl gewesen zu sein, wenn man ihn mal ganz ohne Pathos betrachtet. 

ISBN 978-3-937601-73-1
Preis 12,80 € 

Herr Gryn und der Löwe

Herr Gryn und der Löwe

Ludwig Bechstein

Ludwig Bechstein wurde am 24. 11.1801 in Weimar geboren. Im Alter von neun Jahren wurde er von einem Verwandten als Pflegekind zu sich geholt. Nachdem er 1819 seine schulische Ausbildung abbrach, begann er eine Apothekerlehre in Arnstadt. Seine Hingabe galt jedoch schon damals der Literatur. 1823 veröffentlichte er sein erstes Buch „Thüringische Volksmärchen", 1829 erschienen die „Märchenbilder und Erzählungen" in Leipzig. Außerdem veröffentlichte er Sonette und Gedichte. Der junge Bechstein zog die Aufmerksamkeit des Herzogs Bernhard von Sachsen- Meiningen auf sich, der ihm kurzerhand ein Stipendium für ein Studium der Literatur, Philosophie, Geschichte und Kunst in Leipzig und München (bis 1831) gewährte. Nach seinem Studium kam Ludwig Bechstein nach Meiningen zurück, dort erhielt er eine Anstellung als Bibliothekar, später als Archivar. 1845 veröffentlicht Ludwig Bechstein das „Deutsche Märchenbuch", mit dem er eine Märchensage für das ganze Land schaffen wollte. 1853 erscheint das „Deutsche Sagenbuch" mit über 1000 Sagen, geordnet nach Regionen. Bis 1853 gab es elf Auflagen des Deutschen Märchenbuches, 1856 erschien als Fortsetzung das „Neue deutsche Märchenbuch" mit 80 Texten, darunter zahlreiche Sagen. Am 14. Mai 1860 verstarb Ludwig Bechstein in Meiningen an der Wassersucht.
Julia Meyer
 
Zu Köln saß auf dem geistlichen Herrscherstuhle Erzbischof Engelbert, der hatte viel Streitens mit der Bürgerschaft, das bis zum blutigen Kampf gedieh. Dieser Bischof hatte einen Löwen, den hatten ihm zwei Domherren aufgezogen. Gegen den Bischof stand im steten Streite der Bürgermeister der Stadt, Herr Hermann Gryn, und hielt zur Gemeinde und verteidigte deren Rechte, doch war er mit den Domherren gleichwohl persönlich nicht verfeindet. So luden die zwei, welche des Erzbischofs enge Freunde waren, eines Tages - es soll im Jahre 1266 sich zugetragen haben - den Bürgermeister zu sich ein zu einem Gastmahl und brachten das Gespräch auf den Löwen, den sie heimlich hatten fasten und sehr hungrig werden lassen, und erboten sich, vor dem Essen ihm den Löwen sehen zu lassen. Sie führten Hermann Gryn an die Pforte des Löwenzwingers, öffneten diese und stießen ihn unversehens hinein, worauf sie die Türe zuschlugen und vermeinten, der Löwe werde ihn alsobald zerreißen. Der Löwe, als er den Mann sah, riß den Rachen mit den scharfen Zähnen weit auf, schlug einen Schweifring und legte sich nach Katzenart zum Sprunge; Herr Hermann Gryn aber, wie er sah, was ihm drohte, schlang rasch seinen Mantel um den linken Arm und faßte seine Gugel, die er in der Hand hielt, fest und zog sein Schwert und wartete nicht, bis der Löwe sprang, sondern stürzte sich auf ihn mit gezücktem Schwerte, fuhr ihm mit dem linken Arm in den Rachen hinein und durchstieß ihn mit dem Schwerte. Dann gewann er einen Ausgang und ging, ohne gegessen zu haben, seinem Hause zu. Dieses Mittagessen bekam aber den beiden Domherren gar übel, denn der Bürgermeister sandte seine Häscher unversehens und ließ sie greifen und aufhenken an einen Balken gleich am Tore des Chorherrenhauses neben dem Dom, das nannte man seitdem das Pfaffentor. Darauf wurde zum Andenken solchen Mutes das Bild Gryns mit noch dreien andern Löwenbändigern in Gesellschaft in Stein ausgeführt und zur Zier über dem Pfeilerbogengang am Rathaus angebracht, da sieht man die Mär von Herzog Heinrich dem Löwen, Simsons Löwenkampf und Daniel in der Löwengrube dem Kölner Löwensieger beigesellt.  

 ***

Bürgermeister Gryn und sein Löwenkampf, Relief Zeughaus-Köln, Willy Horsch
 

Quelle: Bechstein, Ludwig: Deutsches Sagenbuch. [Leipzig: Georg Wigand, 1853]. ed. Karl Martin Schiller. Meersburg/Leipzig 1930., Nr. 116