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KENNST DU FRIEDRICH HÖLDERLIN? 

Hans-Jürgen Malles gibt Einblicke in ein facettenreiches und bewegtes Leben voller Höhen und Tiefen.

2012, 144 Seiten, ab 17 Jahre

ISBN: 978-3-937601-97-7
Preis: 14,80 €

Hartmut Hegeler

Julia Meyer

Hexenprozesse: Hartmut Hegeler und sein Einsatz für Gerechtigkeit

Die Hexenverfolgung gehört zu einem dunklen Bereich der Kirchengeschichte und kostete in Europa ca. 60 000 Menschen das Leben. Etwa 25 000 von ihnen kamen aus Deutschland. Nicht nur im Mittelalter, sondern vor allem in der Frühen Neuzeit wurden unschuldige Menschen als Hexen beschuldigt und für die Umweltkatastrophen, Krankheiten sowie Missernten und Krisen verantwortlich gemacht.

Hartmut Hegeler wurde 1946 in Bremen geboren, besuchte das Ratsgymnasium in Bielefeld und studierte Theologie. Anschließend arbeitete er als kreiskirchlicher Pfarrer in Unna/Westfalen und erteilte Religionsunterricht am Berufskolleg. Seit 2010 ist er pensioniert. Bereits mehrere Jahre setzt er sich mit der Thematik der Hexenverbrennung auseinander und kämpft für Gerechtigkeit und Rehabilitation der unschuldig verurteilten Opfer. In einem Interview beantwortet er Fragen zu den Hintergründen, seinen Zielen sowie zu dem wohl einzigartigen Fall der Kölnerin Katharina Henot.

(1)    Wie kam es dazu, dass Sie sich intensiv mit dem Thema Hexenverfolgung auseinandergesetzt haben? 


Schülerinnen im Berufskolleg baten mich, uns im Religionsunterricht Gedanken über ein dunkles Kapitel der Kirchengeschichte zu machen: über die Hexenprozesse. Zunächst habe ich versucht, die Schülerinnen auf fröhlichere Themen einzustimmen, aber sie waren nicht von ihrem Wunsch abzubringen. Als ich mich dann intensiver mit der Zeit der Hexenverfolgungen beschäftigte, merkte ich, wie wenig ich darüber wusste. Das empfand ich als große Herausforderung. 

Zusammen mit vielen Gleichgesinnten in Deutschland möchte ich mit meinen Büchern und Vorträgen den Menschen ein Denkmal setzen, die damals unschuldig vor Gericht gestellt wurden. Viele verloren ihr Leben, über die Familien wurde unendliches Leid gebracht. In vielen Orten erinnert nichts mehr an ihr Schicksal. Ich meine: Die größte Sünde ist das Vergessen der unschuldigen Opfer. 

Ich habe mich um Hintergrundinformationen über die Hexenprozesse bemüht. Damals  wurden Frauen, Männer und Kinder als Zauberer und Hexen beschuldigt, gefoltert und verbrannt. Durch die Folter wurden Menschen zum Geständnis gezwungen, sie seien Hexen. In den Anklageschriften wurde ihnen oft vorgeworfen, sie seien an den Wetterkatastrophen und an den Missernten schuld. Damals wussten die Menschen nichts von den Umständen, wie Wetterkatastrophen entstehen. So wurden Sündenböcke gesucht und gefunden – damals wie heute.

(2)    Wie viele Jahre kämpfen Sie nun schon für Gerechtigkeit und für die Rehabilitation unschuldig verurteilter Menschen und was war der Auslöser für Ihren Kampf? 

Vor 10 Jahren fragten mich Schülerinnen, wann die Opfer der Hexenprozesse rehabilitiert wurden. 
In Zeiten der modernen Naturwissenschaften ist jedem einsichtig, dass ein Mensch nicht auf einem Besenstiel reiten und am Hexensabbat teilnehmen oder mit Zauberei Wetterkatastrophen und Krankheiten bewirken kann. Dies waren die Anklagepunkte in den Hexenprozessen, für die Menschen zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurden. Aus heutiger Sicht wurden sie im Namen Gottes zu Unrecht beschuldigt und hingerichtet, denn die Angeklagten konnten diese Verbrechen nicht begehen. 
Nie sind die Urteile der Hexenprozesse jedoch aufgehoben worden. Die Verurteilten gelten bis heute als schuldig im Sinne der Anklage: sie hätten sich dem Teufel verschrieben, Gott verleugnet und durch Zauberei Schaden über die Menschheit und die Natur bewirkt. Nach 300 Jahren verdienen die Opfer der Hexenprozesse, ihre Würde und Christenehre wieder zu bekommen und rehabilitiert zu werden. 

(3)    Wie sind sie auf den Pfarrer Anton Praetorius aufmerksam geworden? 

Auf das Leben von Anton Praetorius bin ich durch meine Schülerinnen aufmerksam geworden. Sie erkundigten sich: "Hat denn keiner der Christen damals etwas gegen Hexenprozesse gesagt?" Dass ein engagierter protestantischer Pfarrer seine Stimme gegen Hexenprozesse erhoben hatte, war mir vorher unbekannt. Zufällig las ich bei einem Besuch in einer Ausstellung im Schieferbergbaumuseum in Schmallenberg/Westfalen über Hexenverfolgungen eine kleine Tafel: "Der erste Westfale, der sich gegen die Hexenverfolgung wandte, war der gebürtige Lippstädter Pfarrer Anton Praetorius". Der freundliche Museumsmitarbeiter suchte eine geschlagene Stunde, bis er schließlich ein letztes Exemplar des Ausstellungskataloges fand. Auf einer halben Seite waren knappe Angaben zu Praetorius abgedruckt, die mich neugierig machten. Aber es gab kein Buch über ihn, und so begann ich zu recherchieren.

Das Wissen über evangelische Gegner der Hexenverfolgung ist im Dunkel der Vergangenheit völlig untergegangen. Dieses Schicksal widerfuhr auch Anton Praetorius, der 1598 als erster protestantischer Pfarrer ein mutiges Buch gegen Hexenverfolgung veröffentlichte. Auch in den evangelischen Kirchen in Westfalen, Lippe, Hessen und Baden, wo er gelebt hatte, war sein Wirken völlig in Vergessenheit geraten.

(4)    Was hat Sie an diesem Mann bewegt? 

An Praetorius hat mich besonders beeindruckt, dass er unter Einsatz seines Lebens eine Frau aus einem Hexenprozess rettete. Aktuell ist sein vehementes Eintreten für die Abschaffung der Folter. Man hat diesen Verfechter der Menschenrechte daher als einen „Vorgänger" von amnesty international bezeichnet. Praetorius hat es nicht leicht gehabt in seinem Leben, aber er hat das bewiesen, was wir in heutiger Zeit immer wieder fordern sollten: Glaube und Zivilcourage. Er kann für die Jugend ein Vorbild für sein Eintreten für Menschen in Not sein. Gerade das Andenken an das unschuldige Leiden und Sterben von Jesus macht uns Christen besonders sensibel für die Verfolgung Unschuldiger.

(5)    Schenken Sie dem Fall „Katharina Henot" aus Köln ganz besondere Aufmerksamkeit, weil sie auch für damalige Verhältnisse (da sie kein Geständnis abgelegt hat), nicht hätte verurteilt werden dürfen? 

Die damaligen Gesetze erforderten für ein Todesurteil ein Geständnis, das meistens durch die Folter erzwungen wurde. Nach mir vorliegenden Informationen ist dies der einzige Fall, dass eine Angeklagte in einem Hexenprozess ohne Geständnis hingerichtet wurde. Das war schon nach damaliger Rechtslage ein eindeutiger Rechtsbruch. Vielleicht ist dies ein Grund dafür, dass die Hexenprozessakten von den Verantwortlichen in Köln großenteils vernichtet wurden.

Ich finde Katharina Henot eine bemerkenswerte Frau. Sie war verwitwete Unternehmerin und wurde von Nonnen aus Neid oder unter Zwang als Hexe denunziert. Auf Weisung des Hohen Weltlichen Gerichts der Stadt Köln musste sie Monate im Kerker leiden: ohne Kontakte, ohne Verteidigung. Obwohl sie mehrfach gefoltert und ihre rechte Hand zerquetscht wurde, konnte ihr vom Scharfrichter kein "Geständnis" abgezwungen werden. Ihr Lebensmut war nicht zu brechen, und sie kämpfte bis zum letzten Atemzug um Gerechtigkeit.

(6)    Was denken Sie über die damalige Zeit  aus heutiger Sicht?

Wenn ich mich mit dem Leben der Menschen vor 300 Jahren beschäftige, wird mir deutlich, wie sehr wir von mutigen Menschen vor uns profitieren, die um die Menschenrechte gekämpft und uns viele Freiheiten erstritten haben. Das verpflichtet uns, uns weiter für diese Menschenrechte einzusetzen. So ist das Erinnern an die Opfer der Hexenprozesse zugleich ein Signal gegen Gewalt an Frauen heute, gegen Mobbing, gegen Ausgrenzung und Diskriminierung.

(7)    Was sind Ihre Ziele? Was wollen Sie erreichen? 

Ich möchte Informationen über die Hexenprozesse vermitteln. Ich möchte erreichen, dass die Opfer der Hexenprozesse rehabilitiert werden und Gedenksteine vor Ort an ihr Schicksal erinnern. Diese können zum Erzählort werden, um Menschen sensibel für Unrecht heute zu machen, damit sie sich – wie z. B. amnesty international – für das Schicksal von Verfolgten einsetzen, ähnlich wie es in vielen Orten mit den Stolpersteinen für die Opfer der unschuldig Verfolgten des Dritten Reichs geschieht.

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Hartmut Hegeler ist bei seinem Kampf für Gerechtigkeit jedoch nicht allein. Im Jahr 2000 gründete er mit gleichgesinnten den Arbeitskreis „Hexenverfolgungen", der sich um die Rehabilitierung  der zu Unrecht Verurteilten bemüht. Außerdem will der Arbeitskreis eine Stellungnahme der Kirche zu ihrer eigenen Rolle in den Hexenprozessen erbitten. Auf der Internetseite www.anton-praetorius.de können weitere Informationen über die Arbeit der Gruppe und über die verschiedensten Schicksale der Opfer eingeholt werden.

Einige Gemeinden, Stadträte und Kirchen konnten die Mitglieder schon überzeugen. Hartmut Hegeler wendete sich mit seinem Kreis auch an die Stadt Köln, um eine öffentliche Rehabilitation von Katharina Henot zu erwirken. Mit Erfolg. 2012 wurden die Opfer (einschließlich Katharina Henoth) in Köln rehabilitiert. 

Eine Rehabilitation der Opfer der Hexenprozesse / Hexenverfolgung eine moralische / sozialethische Rehabilitation der als Hexen hingerichteten Frauen und Männer ist bereits in vielen Orten durch den Rat der Stadt / Kommune / Kirchen erfolgt:

1993 Winterberg/ NRW, Stadt, kath. und ev. Kirche
2002 Kammerstein, 2003 Kammerstein - Barthelmesaurach/ Bayern
2007 Eschwege/ Hessen, Stadt und ev. Kirche
2008 Fulda/ Hessen, Gedenkfeier mit Oberbürgermeister und
Kirchenvertretern mit Einweihung der Gedenkstätte für die Opfer der
Hexenverfolgung im Hochstift Fulda
2010 Hofheim a.T./ Hessen
2011 Rüthen/ NRW
2011 Hilchenbach/ NRW
2011 Hallenberg/ NRW
2011 Sundern/ NRW
2011 Menden/ NRW
2011 Werl/ NRW
2011 Suhl/ Thüringen
2012 Bad Homburg/ Hessen
2012 Detmold/ NRW
2012 Lemgo/ NRW (und 1992)
2012 Rheinbach/ NRW
2012 Köln/ NRW
2012 Meiningen/ Thüringen
2012 Osnabrück/ Niedersachsen
2012 Büdingen/ Hessen
2013 Soest/ NRW
2013 Freudenberg/ NRW
2013 Rehburg-Loccum Niedersachen
2013 Lutherstadt Wittenberg/ Sachsen-Anhalt
2013 Datteln/ NRW
2014 Horn-Bad Meinberg/ NRW
2014 Trier/ Rheinland-Pfalz, Gedenkfeier mit Oberbürgermeister Klaus Jensen
2014 Witten/ NRW
2014 Dortmund/ NRW
2014 Idstein/ Hessen (und 1996)
2014 Schleswig/ Schleswig-Holstein, Gedenkgottesdienst Domgemeinde mit Bürgermeister Christiansen und 

        Einweihung Gedenkstein beim Rathaus
2015 Lippstadt/ NRW
2015 Wemding/ Bayern

 

Ausland

17.10.1711 Generalamnestie für die meisten Verurteilten von Salem/ USA.
1957 wurde die als »Hexe« gehängte Ann Pudeator für unschuldig erklärt.
31.10.2001 Gouverneurin von Massachusetts/ USA unterzeichnete Unschuldserklärung für die fünf letzten Frauen der Salemer Hexenprozesse.
31.10.2004 Schottische Stadt Prestonpans rehabilitierte in Anwesenheit von Nachfahren 81 hingerichtete Frauen.
27.8.2008 Schweiz: Glarner Landrat rehabilitierte Anna Göldi, die letzte Hexe Europas, als Opfer eines Justizmords.
2009 Schweiz: Freiburger Kantonsparlament rehabilitierte Catherine Repond (genannt «Catillon»), 1731 als letzte verurteilte «Hexe» der Gegend hingerichtet.
2012 Nieuwpoort/ Belgien

Rehabilitierung der Opfer der Hexenprozesse

Ein Antrag an den Rat der Kommune/ Stadt kann folgenden Wortlaut haben:

Beschlussvorschlag:

Der Rat der Gemeinde/ Stadt beschließt die Rehabilitierung der in der Zeit der Hexen- und Zaubererverfolgung gequälten und ermordeten Menschen durchzuführen und fasst dabei folgenden Beschluss:

Die Rehabilitation der unschuldig gequälten und hingerichteten Opfer der Hexen- und Zaubererverfolgung während des 16. bis 18. Jahrhunderts ist ein Akt im Geiste der Erinnerung und Versöhnung. Der Rat der Gemeinde/ Stadt verurteilt diese Gewalt, die an Frauen und Männern begangen wurde. Er gedenkt der Opfer, rehabilitiert sie öffentlich und gibt ihnen damit heute im Namen der Menschenrechte ihre Ehre zurück.

Wenngleich die Gemeinde/ Stadt nicht Rechtsnachfolgerin der damals politisch und kirchlich Verantwortlichen ist, so besteht dennoch eine ethische Verpflichtung gegenüber den Opfern und ihren Familien. Angesichts der lokalen Geschichte steht der Rat der Gemeinde/ Stadt zu dieser Verpflichtung.

 

Gedenkkultur für die Opfer der Hexenprozesse

In vielen Kommunen in Deutschland und im Ausland gibt es ein Gedenken an die Opfer der Hexenprozesse in Form von Denkmälern, Gedenktafeln, Straßenschildern usw., die durch die Stadtverwaltungen und die Bevölkerung initiiert wurden.

Bei der Vorbereitung von regionalen und überregionalen Ausstellungen zum Thema Hexenprozesse sollte dieser Aspekt in Zukunft aufgenommen werden - Rezeption der Hexenprozesse durch Politiker und Bürger der Gegenwart - z.B. durch Abbildungen der Denkmäler und Schilderung ihrer Entstehungsgeschichte.

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Weitere Informationen zu dem Thema können Sie verschiedenen Internetseiten entnehmen. 

http://de.wikipedia.org/wiki/Hartmut_Hegeler

www.anton-praetorius.de

Spiegel Online: Germany Rehabilitates Its Persecuted 'Witches'

http://www.spiegel.de/international/germany/0,1518,804288,00.html 

http://www.hellwegeranzeiger.de/lokales/unna/art14339,1524742 

weitere Informationen über Anton Praetorius:

http://www.deutschland-lese.de/index.php?article_id=316